„Die Innere Medizin hat eine glänzende Zukunft vor sich“
Interview mit Dr. Wolfgang Wesiack, Präsident des Berufsverbandes Deutscher Internisten e.V.
Die Innere Medizin ist eines der umfangreichsten und das zentrale Fachgebiet in der Medizin. Da das Wissen ständig zunimmt, sind fundierte Weiterbildung und kontinuierliche Fortbildung unerlässlich, wenn man den Überblick behalten will. Wir sprachen mit Dr. Wolfgang Wesiack, Präsident des Berufsverbandes Deutscher Internisten e.V., über die Bedeutung, aber auch die aktuellen Probleme von Fort- und Weiterbildung in der Inneren Medizin sowie den aktuellen Standort des Fachgebietes.
Auf dem 3. Deutschen Internistentag wird der Fortbildung große Bedeutung beigemessen, und sie ist heutzutage gerade in der Inneren Medizin wichtiger denn je. Welche Rolle nimmt ihr Berufsverband dabei ein?
Fortbildung hat bei uns im Berufsverband traditionell einen sehr hohen Stellenwert. Der BDI (Berufsverband Deutscher Internisten e.V.) hat seit seiner Gründung ein sehr breites und - wie wir durch Befragung der Teilnehmer wissen - ein sehr gutes Fortbildungsprogramm aufgelegt. Dies reicht von praktischen Kursen bis hin zu internationalen Seminarkongressen. Nachdem wir nun regelmäßig den Deutschen Internistentag durchführen, spielt natürlich auch dort die Fortbildung eine zentrale Rolle. Das Besondere an den Fortbildungen des BDI ist, dass diese aktuell und praxisnah sind, also nicht akademisch, sondern anschaulich. Dies können wir deshalb anbieten, weil wir innerhalb des BDI eine Vielzahl hervorragender Referenten aus allen Gebieten der Inneren Medizin haben. Da die Innere Medizin ein riesiges Fach ist, das nahezu täglich wächst, ist es umso wichtiger, Experten zu haben, die ihr Gebiet überblicken und wissen, was dort relevant für die Praxis ist.
Sind die Ärzte gegenüber früher fortbildungsmüder geworden? Schließlich wurden vor einigen Jahren verpflichtende Fortbildungspunkte eingeführt, von denen Ärzte in fünf Jahren 250 erwerben müssen.
Da gerade bei uns in der Inneren Medizin die Fortbildung zum normalen Berufsleben dazugehört, hätte es meiner Ansicht nach nicht des regelrechten Zwangs bedurft, der mit diesen Fortbildungspunkten ausgeübt wird. Wir konnten auf alle Fälle keinen zusätzlichen Ansturm auf unsere Fortbildungsveranstaltungen feststellen, nachdem diese Maßnahme eingeführt wurde. Internisten haben sich immer schon in großem Maße und gerne fortgebildet, was sicherlich auch im Wesen der Inneren Medizin begründet ist. Insofern hat sich durch diese gesetzgeberische Maßnahme bei uns nichts geändert.
Könnten die Kosten für Fortbildungen in Zukunft ein Problem werden? Immer mehr Ärztinnen, aber mittlerweile auch zunehmend Ärzte, arbeiten in Teilzeit, um mehr Zeit für Familie und Privatleben zu haben. Da ist naturgemäß das Gehalt entsprechend geringer.
Gerade bei jungen Assistenten in der Weiterbildung aber auch bei niedergelassenen Kollegen sind die Einkommensverhältnisse heutzutage nicht mehr so gut wie früher, so dass diese Kollegen auch mehr auf die Kosten schauen müssen. Beim BDI kalkulieren wir die Fortbildungsveranstaltungen daher mit spitzer Feder. Wir wollen dabei als Berufsverband keinen Gewinn machen, sondern lediglich kostendeckend arbeiten. Insofern versuchen wir, die Gradwanderung zwischen aktueller Fortbildung auf hohem Niveau und akzeptablen Preisen zu meistern. Ganz wichtig ist uns dabei auch, dass unsere Fortbildungen pharmafirmenunabhängig sind, sodass wir keinen möglichen Beeinflussungen durch die Industrie ausgesetzt sind. Verbandsintern diskutieren wir natürlich, wie viel Fortbildung wir anbieten sollen und sprechen dabei auch über die Kosten. Die Frage dabei ist, welche Zahl an Veranstaltungen und Kongressen wir uns als Verband leisten können, weshalb wir auch deren Wirtschaftlichkeit intensiv prüfen. Da wir seit Jahren einen hervorragenden Pool an Referenten, eine exzellent arbeitende Kongressabteilung, gute Kontakte zu Veranstaltern und ein bewährtes und weitgestreutes Fortbildungsprogramm haben, sind wir hier wie ich glaube als Berufsverband für die Zukunft bestens positioniert.
Sehr eng mit der Fortbildung ist auch die Weiterbildung verknüpft. Viele junge Ärzte beklagen, dass vielerorts keine strukturierte Weiterbildung angeboten wird, was sicherlich mit zum derzeitigen Ärztemangel beiträgt. Der BDI hat hierzu einen 10-Punkte Plan aufgestellt, der auf einige der größten Probleme in der Weiterbildung zielt. Wo sehen Sie momentan die Hauptschwierigkeiten?
Es ist eine berechtigte Klage junger Assistenzärzte, dass es an der Strukturierung der Weiterbildung in den Kliniken hapert. Dies ist auch insofern unerfreulich, da auf diese Weise sehr viel an intellektuellem Kapital brach liegt. Wir haben seitens des BDI das Weiterbildungs-Logbuch und eine Internetplattform zur Bewertung der Weiterbildung eingeführt, wobei wir eng mit der Bundesärztekammer zusammen arbeiten, um die Situation zu verbessern. Es ist allerdings auch so, dass die klinikinterne Fortbildung im Rahmen der Weiterbildung durch die zunehmende Arbeitsverdichtung im Krankenhaus immer schwieriger wird. Auch hier ist der BDI gefordert, zumindest einen Teil davon durch spezielle Angebote abzufangen, damit die jungen Assistenten stets aktuelle Fortbildungen bekommen. Das ist allerdings nur ein Aspekt von vielen, denn wir haben momentan in der Weiterbildung ein ganzes Bündel von Problemen. Ich glaube, dass man in der Klinik auf Dauer nicht an der Einführung von Weiterbildungsassistenten herumkommen wird, also Ärzten, die sich schwerpunktmäßig mit Organisation und Inhalt der Weiterbildung beschäftigen. So ähnlich funktioniert das ja bereits mit dem Tutorialsystem im Studium, aber es ist dringend etwas Vergleichbares für die klinische Weiterbildung nötig. Im Augenblick scheitert dies vor allem daran, dass die Weiterbildung nicht DRG-relevant ist und zusätzliche Stellen hierfür somit gegenwärtig nur sehr schwer zu schaffen sind. Ohne neue Ideen wird da nicht viel gehen.
Denken Sie, dass hier eine Verpflichtung für Kliniken weiterhelfen könnte, Daten zur Weiterbildung zu veröffentlichen? Für viele Ärzte ist es ja mittlerweile ein wesentliches Entscheidungskriterium für oder gegen eine Stelle, wie die Weiterbildung dort gestaltet ist.
Früher war man froh, überhaupt eine Stelle zu finden, doch durch den aktuellen Ärztemangel können sich Assistenten inzwischen ihre Stellen aussuchen. Insofern wird der Zwang auf die Krankenhäuser zunehmen, attraktive Weiterbildungsmodelle zu etablieren, und das ist gut so. Der BDI bietet hier die Möglichkeit, Kliniken über das Internet im Hinblick auf die Weiterbildung zu bewerten, so dass sich bei ausreichender Beteiligung die Spreu vom Weizen trennen lässt. Dies sollte aber alles auf freiwilliger Basis geschehen. Ich bin, was Zwänge anbetrifft, immer sehr skeptisch und verfechte eher liberale Gedanken. Mit Zwängen formalisiert man zwar sehr, aber das heißt noch lange nicht, dass dadurch etwas besser wird. Eine gute oder sogar hervorragende Weiterbildung könnte durchaus zu einem Marketinginstrument für eine Klinik werden, um offene Stellen zu besetzen. Man muss aber auch weiter denken: Häuser, die gut organisiert sind und ein attraktives Angebot haben, können ihre Leistungsträger längerfristig an sich binden. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch die zunehmende Feminisierung der Medizin. Es gibt mehr und mehr Ärztinnen, die Familie und Karriere miteinander vereinbaren und daher in Teilzeit arbeiten wollen. Das Thema familienfreundliches Krankenhaus wird daher in Zukunft immer wichtiger werden.
Wie würden Sie also die zukünftige Entwicklung der Weiterbildung einschätzen?
Ich glaube, dass der Weg hin zu einer strukturierten Weiterbildung unumgänglich ist und dass diese aus der Notwendigkeit der Situation heraus kommen wird, auch ohne Zwangsmaßnahmen. Ich blicke durchaus optimistisch in die Zukunft.
Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang die Rolle des Standorts Deutschland?
Die deutschen Kliniken sowie die Fort- und Weiterbildung stehen international gut da. Natürlich gibt es Länder, die in einzelnen Bereichen besser sind, beispielsweise die Schweiz im Hinblick auf die Patientenversorgung aus ärztlicher Sicht oder die Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern. Es gibt aber auch viele Länder, die diesbezüglich schlechter dastehen als wir. Insgesamt nimmt Deutschland eine Spitzenposition ein; deutsche Ärzte genießen international ein hohes Ansehen.
Was sicherlich auch mit der Versorgungsqualität in Deutschland zu tun hat. Dabei spielen Leitlinien und die evidenzbasierte Medizin eine wichtige Rolle. Wie schätzen sie diese beiden Faktoren ein?
Prinzipiell positiv, allerdings gibt es hier noch großen Handlungsbedarf. Wir haben im riesengroßen Bereich der Inneren Medizin augenblicklich nur etwa 40 S3 Leitlinien und brauchen dringend weitere, an denen mit Hochdruck gearbeitet wird. Man darf dabei aber auch die Konsequenzen nicht vergessen: Wollen wir leitliniengerecht behandeln, so wird dies sehr viel teurer werden, als es momentan der Fall ist. Wenn man die chronischen Volkskrankheiten wie Diabetes oder Bluthochdruck optimal therapieren möchte, werden die Kosten im Gesundheitswesen explodieren. Es kommt aber noch ein weiteres Problem dazu: Es existieren zwar für alle möglichen Erkrankungen Leitlinien, aber die meisten Patienten haben mehrere chronische Erkrankungen gleichzeitig. Also beispielsweise Diabetes, Bluthochdruck, Niereninsuffizienz und koronare Herzerkrankung. Es gibt allerdings bis zum heutigen Tage noch keine Leitlinie, die auf die Kombination mehrerer Erkrankungen zielt. Das allerwichtigste, nämlich den multimorbiden Patienten leitliniengerecht zu behandeln, ist derzeit kaum möglich. Denn die wesentliche Frage hierbei ist nicht, welches Medikament der Patient noch braucht, sondern welches man weglassen kann, ohne ihm zu schaden. Wir stehen allerdings in Deutschland mit diesem Problem nicht alleine da, denn auch in anderen Ländern ist diese Frage noch nicht geklärt.
Wie bewerten Sie generell den Weg hin zur evidenzbasierten Medizin, der mittlerweile eingeschlagen wurde?
Ich finde diese Entwicklung sehr positiv und unterstütze sie auch. Wenn man eine an naturwissenschaftlichen Prinzipien orientierte Diagnostik und Therapie machen möchte, ist dieser Weg unumgänglich. Man muss allerdings auch wissen, dass die evidenzbasierte Medizin nur ein Teil der Medizin sein kann, denn es sind außerdem noch viele andere Faktoren zu berücksichtigen. Der Mensch ist eben kein rein naturwissenschaftliches Konstrukt. Die klinische Erfahrung ist ungeheuer wichtig und wird dies auch immer sein. Sie ist letztlich mit der Anamnese und der Primärdiagnostik die Basis, auf der alles Weitere aufbaut. Dazu kommen natürlich auch noch alle anderen Dinge, die einen guten Arzt ausmachen, wie psychologisches Einfühlungsvermögen oder die Fähigkeit, den Patienten zu motivieren und zu lenken.
Wie ordnen Sie die Innere Medizin in der Gegenwart ein, gerade im Hinblick auf das gesundheitspolitische Geschehen, das sich derzeit in Deutschland abspielt?
Ich bin der festen Überzeugung, dass die Innere Medizin das Herzstück der gesamten konservativen Medizin ist und in der Zukunft mehr denn je sein wird, da die meisten chronischen Erkrankungen internistischer Art sind. Alle diese Erkrankungen wirken sich zunehmend auf unsere Lebenserwartung und unsere Lebensqualität aus, denn diese hängen zu einem Großteil davon ab, ob wir die Volkskrankheiten optimal behandeln. Die Innere Medizin hat daher in meinen Augen eine glänzende Zukunft vor sich. Der Vorteil, den sie allen anderen Fächern gegenüber bietet, ist, dass sie nach wie vor die Fachdisziplin für den ganzen Menschen ist. Der Augenarzt beispielsweise behandelt nur die Augen, aber in der Inneren Medizin hat man immer den ganzen Menschen im Blick.
Wird der Inneren Medizin also nicht ganz die gesundheitspolitische Bedeutung beigemessen, die ihr zusteht?
Ja, das denke ich. Die Gesundheitspolitik behandelt die Innere Medizin derzeit etwas stiefmütterlich. Ich glaube, man muss den Internisten als den zentralen Manager im Gesundheitswesen etablieren, denn diese Leistung kann nicht der Facharzt für Allgemeinmedizin erbringen. Ich will mich als Internist nicht über die Rolle und Funktion der Allgemeinärzte äußern, was nicht meine Aufgabe ist, sondern kann dies nur von Seiten der Inneren Medizin sehen. Und da kann ich sagen, dass die Arbeit von Hausärzten zu zwei Dritteln bis drei Vierteln aus internistischen Tätigkeiten besteht. Ich glaube daher, dass wir in der Grundversorgung ohne einen kompetenten Internisten scheitern werden. Gerade beim Stichwort „Lotse" muss man ja sagen, dass ein Lotse immer der Erfahrene ist, der am meisten weiß und die größte Kenntnis besitzt. Das heißt letztlich, dass die Weiterbildung eines solchen Lotsen ausreichend fundiert und lange sein muss, damit er seine Aufgabe erfüllen kann. Lotse heißt ja nicht, dass man irgendwelche Befunde dokumentiert, sondern, dass man den Patienten durch seine Krankheiten sicher zum Ziel führt. Da die Medizin dramatische Fortschritte macht, wird eine solche Aufgabe natürlich immer schwieriger: Was heute State of the Art ist, kann morgen schon wieder überholt sein. Da wir alle von den Fortschritten der Medizin profitieren wollen, brauchen wir gute Internisten, die sich durch eine kontinuierliche Fortbildung auf dem aktuellen Wissensstand halten. Nur dann können sie ihre Rolle als Loste, oder wie man diese Aufgabe auch immer nennen will, kompetent erfüllen. Ich will keine anderen Berufsgruppen von dieser Tätigkeit ausschließen und sie nur auf die Innere Medizin begrenzen, aber sie kann nur von einem Arzt ausgeübt werden, der breit in der Inneren Medizin weiter- und fortgebildet ist.
Interview: Dr. Johannes Weiß


